Euro-Seminar - ÖKOLOGIE DER ARBEIT
Neustift/Brixen - 7.- 9. Februar 1992
Albert Mayr
ZEIT - ÖKOLOGIE - POLITIK
Einführung
Die drei Wörter im Titel meines Beitrags lassen sich zu verschiedenen Wortpaaren zusammenstellen, etwa:
- Zeitökologie: also ein ökologischer Umgang mit der Zeit, in unserem Fall hauptsächlich mit der Gesellschaftszeit; eine Perspektive, die noch ziemlich neu ist.
- Ökologiepolitik: wird auf diesem Seminar ja ausführlich behandelt.
- Zeitpolitik: ist in den letzten Jahren einigermaßen ins Blickfeld geraten - leider meist mit geringer Berücksichtigung ökologischer Aspekte.
Wenn wir die Adjektive mitverwenden, können wir die Wörter verbinden zu:
- ökologische Zeitpolitik,
- zeitbezogene Ökologiepolitik.
Damit wäre einigermaßen der Bereich umrissen, zu dem ich hier sprechen möchte. Da es sich um einen sehr weitgespannten Bereich handelt, werde ich nur drei begrenzte Aspekte herausgreifen, die ich für exemplarisch halte; schlagwortartig formuliert könnten sie lauten:
I. Meine Zeit ist auch deine Zeit.
II. Die schiefe Rechnung mit der Arbeitszeit.
III. Rasen macht frei
I. Meine Zeit ist auch deine Zeit.
Seit einigen Jahren ist die Bedeutung der Zeit für die Lebensqualität stärker ins allgemeine Bewußtsein gerückt, verbunden mit der Einsicht, daß sich die Zeiten der verschiedenen Lebensbereiche nicht unabhängig voneinander in den Griff bekommen lassen. Auch bei den Gewerkschaften verlagert sich allmählich das Gewicht von den strikt auf den Arbeitsbereich beschränkten Zeitkämpfen in Richtung einer umfassenderen Zeitpolitik, die auch die arbeitsfreien Zeiten miteinbezieht. Jedoch gibt es noch kaum Anzeichen einer übergreifenden Zeitsolidarität; jede Arbeitnehmer-Kategorie führt im Grunde ihren eigenen Zeitkampf.Es ist (noch) nicht denkbar, daß z.B. die Metallarbeiter aus Solidarität mit den Zeitkämpfen der öffentlichen Angestellten auf die Straße gehen (oder umgekehrt).
Dies erinnert, mutatis mutandis, an eine inzwischen überwundene Phase in der Umweltbewegung, als man noch ausschließlich gegen den Dreck in der eigenen Umgebung zu Felde zog und sich kaum darum scherte, wenn in 200 km Entfernung (oder gar auf einem anderen Kontinent) ein Stück Umwelt unwiederbringlich zerstört wurde. Dies hat sich zum Glück in der Zwischenzeit geändert. Einerseits hat sich eine gewisse ökologische Solidarität herausgebildet, andererseits hat es sich herumgesprochen, daß es sich schon vom rein eigennützigen Standpunkt aus lohnt, nicht untätig zu bleiben, wenn irgendwo auf dem Erdball Umweltsünden begangen werden, da auch wir über kurz oder lang die Folgen zu spüren bekommen. Auch hat inzwischen unsere Gesellschaft Auffangmechanismen entwickelt, um es zu verhindern, oder wenigstens zu erschweren, daß eine allzu aggressive Wirtschaft ihre Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchboxt. So ist es z.B. nicht mehr denkbar, daß ein Industriekonzern - auch wenn er mit dem verlockenden Angebot von Hunderten von Arbeitsplätzen winkt - die Bewilligung bekäme, das jahrhundertealte Stift hier dem Erdboden gleichzumachen, um auf derselben Stelle seine neue Fabrik aufzustellen. Wohl alle in einem weiten Umkreis, vom durchgeistigten Kunstfreund bis hin zu dem, sonst auf radikale Industrialisierung eingeschworenen, Gewerkschafter alten Schlags und natürlich die zuständigen Verwaltungsstellen, würden gegen das Ansinnen des Konzerns geschlossen Front machen.
Ein ähnlicher Rückhalt müßte für eine ökologische Zeitpolitik verfügbar sein. Denn die Zeiten der Elemente und Organismen in den natürlichen Lebensräumen sowie die organisch gewachsenen Zeiten in menschlichen Gemeinwesen gehören ebenso zum schützenswerten Bestand unserer Umwelt wie die räumlichen und stofflichen Komponenten. Doch mit diesem Teil der Umwelt gehen wir noch gedankenloser um; auch greifen hier die Argumentationen der Zerstörer, die sich auf Wirtschaftlichkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz berufen, noch viel leichter, wenn es darum geht, einen verantwortungslosen Umgang mit der Zeit durchzupeitschen. Und dies, obwohl die Kosten, die daraus erwachsen, in erschreckender Weise zu Buche schlagen, (auch wenn meist andere Ursachen vordergründig dafür verantwortlich gemacht werden): Entfremdung von der eigenen Zeit, Zerfallen der gesellschaftlichen Kohäsion, vernachlässigte Einzelpersonen und Gruppen, usw. bis hin zu den Toten auf den Straßen, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.
II. Die schiefe Rechnung mit der Arbeitszeit.
Eigentlich müßten die Substantiva im Plural stehen, da es ja eine Unmenge verschiedener Arbeitszeittypen gibt sowie eine Reihe diskutabler Berechnungsmethoden in diesem Bereich, die alle daran kranken, daß sie von unbewiesenen Voraussetzungen ausgehen. Doch soll hier nur ein Beispiel besprochen werden, das der schiefen Kommensurabilität zwischen Arbeitsszeit und Entlohnung, mit der immer noch operiert wird. Zuerst einen Schritt zurück.
Ähnlich wie bei den verschiedenen Aspekten der Umweltbelastung, die uns gezwungen haben, die herkömmlichen, linearen Formen der Soll- und Haben-Rechnung zu revidieren, gilt es auch bei den Belastungen von Menschen aus den üblichen Schemata auszubrechen. Hinsichtlich der Belastung durch chemische Schadstoffe oder durch Lärm gibt es ja die Frage, inwieweit und ob überhaupt es finanziell abgegolten werden kann, daß jemand während seines ganzen Arbeitslebens Giftstoffe einatmen oder 100 dB Krach aushalten muß. Immer mehr setzt sich die Einsicht durch, daß es sich bei Geld einerseits und solchen Belastungen andererseits um inkommensurable Dinge handelt und die Lösung nur darin liegen kann, die Belastungen, koste es was es wolle, auszuschalten oder wenigstens auf ein Minimum zu reduzieren. (Freilich sieht es in der Praxis noch anders aus.) Bei der Belastung des Menschen durch den Verkauf der eigenen Zeit - wie in der Lohnarbeit - herrscht aber noch die Vorstellung, daß es sich bei diesen beiden Elementen um kommensurable Elemente handle, deren "Ausgabe", auf der einen wie auf der andern Seite sich linear verrechnen liesse. Es gilt allgemein: wenn x der Lohn für 1 Stunde ist, dann ist der Lohn für 2 Stunden 2x, für 3 Stunden 3x,usw. (Ich spreche hier nur von der Berechnung "normaler" Arbeitszeiten; Nachtarbeit, Feiertagsarbeit, Überstunden bleiben hier ausgeklammert.) Diese Art von Rechnung ist freilich recht praktisch, besonders für den Arbeitgeber, dem es ja darum geht, bei der Kosten/Gewinn-Übersicht so viele Größen als möglich linear zu halten. Doch geht diese Rechnung an der Realität vorbei:
- Einerseits basiert sie auf der willkürlichen Einteilung des Tages in 24 gleich lange Einheiten, unsere konventionellen Stunden. Diese Einteilung ist auch "praktisch", hat aber mit den Rhythmen von Lebewesen wenig zu tun. Schon näher steht ihnen z.B. die frühere Einteilung in 2x12 ungleich lange Stunden; eine Zwölferserie umfaßte die Zeitspanne von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, die andere Zwölferserie die Zeitspanne von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. In der ersten Serie waren die Stunden im Sommer lang und im Winter kurz, in der zweiten Serie war es umgekehrt. Diese Einteilung war bis vor wenigen Jahrhunderten im Gebrauch und wurde dann als unrationell aufgegeben. Ich möchte nun hier nicht für ihre Wiedereinführung plädieren, sondern nur darauf hinweisen, daß wir mit der schrittweisen "Rationalisierung" der Zeitordnung - die ja hauptsächlich von der Wirtschaft gefordert worden war - uns auch immer ein weiteres Stück von den natürlichen Gegebenheiten entfernt haben.
- Andererseits setzt die Rechnung, von der hier die Rede ist, fälschlicherweise voraus, daß unser Zeiterleben, oder besser unser Erleben von Dauer, linear verlaufe; daß wir also ganz "natürlicherweise", ohne auf die Uhr zu schauen, 3 Stunden als dreimal so lang empfinden wie eine. Das ist aber kaum der Fall. Auch unter gleichbleibenden äußeren Bedingungen variiert unsere Empfindung von Dauer beträchtlich, wenn sie nicht durch Zeitgeber in der Umgebung wieder "zurechtgerückt" wird. Natürlich gibt es keine eindeutigen Untersuchungsergebnisse dazu, wie sich die nach der Uhr gemessene und die erlebte Dauer zueinander verhalten; im allgemeinen gehen solche Untersuchungen von der kritisierbaren Fragestellung aus, um wieviel und in welchen Situationen die subjektive Zeit von der als "objektiv" hingestellten Uhr-Zeit abweicht. Dabei ist diese Zeit höchstens für die unbelebte Materie objektiv, bei hochentwickelten Organismen erweist sie sich, als was sie ist,nämlich eine,zugegebenermaßen, praktische Konvention, deren Vorteile nicht geleugnet werden sollen, die aber letztlich als Bezugspunkt für die Erfassung menschlichen Zeiterlebens ungenügend bleibt. Hier kann ich diesem Fragenkreis nicht weiter nachgehen; auch habe ich kein fertiges Rezept anzubieten, wie denn nun Arbeitszeit verrechnet werden soll, ich möchte nur auf zwei Punkte hinweisen:
Der Arbeitnehmer weiß, was er bekommt, in Heller und Pfennig, er weiß, wie die von ihm erbrachte Arbeitszeit bezahlt wird; er kann aber nicht ausmachen,was ihm genommen wird, welcher Belastung er persönlich ausgesetzt ist, und hat kaum Möglichkeiten, hier klarer zu sehen. Denn den oft sehr aufwendigen gewerkschaftlichen Initiativen zur Veränderung der Arbeitszeit innerhalb des beschriebenen Verrechnungsrahmens stehen keine nennenswerten Initiativen zur Seite, die es unternehmen, den Fragenkomplex Arbeitszeit/Entlohnung grundsätzlich, aus der Sicht des erlebenden Menschen zu beleuchten.
Bemühungen um eine ökologischere Gestaltung der Arbeit können sich nicht darauf beschränken, am Bestehenden Korrekturen anzubringen, ohne all das in Frage zu stellen, was an der herkömmlichen Vorstellung von Arbeit, an der kritiklos übernommen Praxis der zeitlichen (und auch räumlichen) Organisation von Arbeit grundsätzlich unökologisch ist. Unsere Zeitordnung, die ja jedweder Abmachung im Bereich der Lohnarbeit zugrunde liegt, stellt schon einen Bruch in der Beziehung des Menschen zum oikos dar. Ökologiepolitik muß daher auch von einer umfassenden Diskussion der zeitökologischen Aspekte ausgehen, muß sich, wenigstens theoretisch die Frage stellen, welche Möglichkeiten einer Neubestimmung der Kriterien für die gesellschaftszeitliche Organisation denkbar sind.
III. Rasen macht frei
Menschen, die ihrer Eigenzeit entfremdet sind, denen kaum Gelegenheiten offenstehen, ihre persönlichen zeitlichen Charakteristiken und Präferenzen im gesellschaftlichen Leben konstruktiv einzubringen, suchen notgedrungen nach Ventilen. Eine relativ kleine Gruppe findet sie im aktiven Sport - obwohl auch der Liebhabersport immer mehr zeitlicher Fremdbestimmung ausgesetzt ist; eine viel größere Zahl benutzt als Ventil das Fahren in motorisierten Gehäusen oder auf fahrbaren Untersätzen. Nicht umsonst insistiert die Werbung der Fahrzeug-Industrie auf dem Mehr an Freiheit und an Entfaltungsmöglichkeit, das das Auto oder Motorrad (natürlich nur einer bestimmten Marke) böte, wohl wissend, mit wievielen Emotionen dieser Art Fahrer aller Schichten die Benutzung ihrer Vehikel befrachten. Nun soll hier kein moralisierender Zeigefinder gegen das Auto- oder Motorradfahren als solches erhoben werden; hinweisen möchte ich vielmehr auf den m.E. übersehenen Zusammenhang zwischen einer seiner pervertierten Formen, dem Rasen, und dem Defizit an anderen Möglichkeiten, zeitliche Individualität zu behaupten. Aufrufe zur Besonnenheit, zur Verantwortung im Straßenverkehr, Hinweise auf die größere Schadstoffemission bei schnellem Fahren, Gechwindigkeitsbeschränkungen und verstärkter Polizeieinsatz können, wie es ja oft genug geschieht, nur die Symptome eindämmen. Die Wurzel des Übels bleibt bestehen.
Eine Parallele zu einem andern Bereich möchte ich erwähnen.
Der Bereich ist der der Klänge, bzw. der der Lärmverseuchung. Es scheint, daß die gleiche Bevölkerungs-gruppe, die am meisten der Raserei huldigt, auch am meisten vom unwiderstehlichem Drang ergriffen ist, ihre Präsenz mit Hilfe ihrer Motorfahrzeuge lautstark deutlich zu machen. In beiden Fällen hauptsächlich männliche Jugendliche; also Menschen, denen es wegen ihrer meist prekäreren ökonomischen und sozialen Stellung verwehrt ist, sich ( im konkreten wie im übertragenen Sinn) hörbar zu machen, bzw. über ein ausreichendes Maß an Zeitsouveränität zu verfügen und die dieses Manko besonders konfliktreich erleben.
Wer rast, schränkt notgedrungen seinen Wahrnehmungsbereich ein; mit der Umgebung weiß er nichts anzufangen. So konzentriert er sich auf die Straße und die anderen Verkehrsteilnehmer; indem er an ihnen vorbeibraust, möchte er in ihnen wegen ihrer Langsamkeit mindestens kurzfristig jene Inferioritätsgefühle wecken, die ihn - der im Alltag sich immer nach den Zeiten der andern richten muß - sonst plagen. Freilich gibt es auch genug Raser, die im All-tagsleben obenauf sind; aber auch bei ihnen ist anzunehmen, daß ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Zeit wie zu der der andern gestört ist. Ich möchte die These wagen, daß eine Änderung unserer Zeitorganisation mit einer verstärkten Bereitstellung von Möglichkeiten, eigene zeitliche Bedürfnisse und Präferenzen einzubringen, einen wesentlichen Beitrag leisten könnte bei dem Bestreben, die Benutzung, und besonders die sinnlose und gefährdende Benutzung von Motorfahrzeugen einzuschränken.